Grundlagen

 

Der Tanz Tango lebt, wie jede andere Kunst auch, lebt davon, daß Regeln eingehalten werden. Die Einhaltung dieser Regeln definiert den Tango. Der Tango lebt aber auch vom Spiel mit dem Bruch dieser Regeln, ohne sie jedoch grundsätzlich in Frage zu stellen.

Überhaupt definiert sich der Tango primär über das "Wie" und nicht über das "Was". Die in diesem Kapitel beschrieben Haltungs- und Schrittregeln sind damit für den Tango essentiell, nicht jedoch die in den folgenden Kapiteln beschriebenen Schrittfolgen und Figuren.
Im Extremfall kann man sagen, daß schon das Stehen in der richtigen Umarmungshaltung (Abrazo) Tangotanzen ist, das abschreiten irgendwelcher Figuren ohne die richtige Art der Bewegung aber mit Tango nichts zu tun hat.
Ich möchte schon hier anmerken, daß auch Verzierungen (Firuleten), egal ob von der Frau oder vom Mann, niemals die hier beschriebene Haltung oder den Bewegungsimpuls stören dürfen.

Tango tanzen ist gemeinsames Gehen. Das Gehen beginnt jedoch mit dem Stehen, und damit mit der Körperhaltung.

Im Tango stehen beide Partner immer in der Umarmung (Abrazo) gemeinsam. Daher wird hier die Haltung alleine und in der Position zueinander beschrieben.

Ziel der Technik im Tango ist es, bei größtmöglicher Beweglichkeit als Paar eine Einheit zu bilden, die sich wie ein vierbeiniges Wesen bewegt.
Die Haltung zueinander ist eine Voraussetzung für die Führung. Die Tanzpartner bilden eine "verschränkte Haltung" [Rodolfo Dinzel], bei der die Oberkörper zueinander konstant bleiben, die Beine aber beweglich sind und unterschiedlichste Schritte ausführen können. Die Hüfte bildet dafür die notwendige Pufferzone.

Die enge Umarmung hat ein weiteres Ziel: Die Frau soll sich sicher und geborgen gehalten fühlen. Dies ist auch ein psychologisches Moment anbetracht der Tatsache, daß die Frau überwiegend rückwärt geht und damit nicht sehen kann, wohin sie geht. [nach L. E. Carroll]

Durch die Verschränkung der Haltung, besteht eine enge Wechselbeziehung zwischen der Haltung der Partner. Die unkorrekte Haltung eines Partner muß immer vom anderen Partner ausgeglichen werden! Jede Spannung muß durch eine Gegenspannung ausgeglichen werden, die oft grade beim ausgleichenden Partner eine unschöne Haltung hervorruft.

Die Haltung kann je nach Tanzstil variieren. Sie unterscheiden sich vordergründig durch den Abstand der Partner zueinander. Die Unterschiede zwischen den Haltungen mit weitem oder engem Abstand sind jedoch nur graduell, so daß ich sie zusammen beschreibe.

Eine Sonderstellung nimmt der sehr enge Stil (Stilo milonguero) ein, da hier die einzelnen Achsen aufgegeben werden. Deswegen wird dieser Tanzstil separat beschrieben.

 

Haltung

 

Tanzhaltung

 
Körperhaltung:

Die Körperhaltung bildet die Basis der Tanzhaltung:

Übungen und Bilder für Körperhaltung:

Abstand zueinander:

Der Unterschied zwischen weiter und enger Haltung ist nicht sehr groß. Auch in der weiten Haltung beträgt der Abstand zwischen den Oberkörpern gut eine Handbreite, in der engen Haltung eine Fingerbreite oder auch kein Abstand.
Der Abstand muß immer variabel bleiben. Zum Beispiel für Drehungen muß der Abstand temporär vergrößert werden können.

 
Haltung der Oberkörperhaltung zueinander:

Hier gibt es unterschiedliche Stile. Manche bevorzugen eine streng parallele Haltung der Oberkörper voreinander, andere eine Haltung im Winkel zueinander.
Ich denke, bei weitem Abstand (Handbreite!) ist eine mehr parallele Haltung besser, bei engem Abstand die Haltung im Winkel. In diesem Fall liegt die rechte Seite der Brust des Mannes zwischen den Brüsten der Frau. Der Mann verdreht dafür seinen Oberkörper um bis zu 45°, die Frau bleibt gerade!

Der Abstand wird einerseits durch die Haltung des Oberkörpers des Mannes und die Haltung seines rechten Arms geführt, anderseits ist es die primäre Aufgabe der Frau, diesen Abstand zu halten!
Besonders in der Haltung mit 45°-Verdrehung ist es sinnvoll, sich diesen Abstand als Volumen zu denken, das immer respektiert werden muß. (Rodolfo Dinzel: "das dritte Volumen").

 
Köpfe:

Die Kopfhaltung bleibt beim Tanzen konstant:

Übung für Kopfhaltung:

Beine:

Die Beine werden in Folge des Oberkörpers bewegt. Die Beine sind dabei beweglich unter einem ruhenden, sich im Schritt nicht auf- und ab bewegenden Oberkörper:

Arme:

Die Arme sollen immer in leichter Anspannung, sicher in ihrer Position aber niemals fest gehalten werden. Insbesondere der rechte Arm des Mannes liegt nicht fest am Rücken der Frau an, sondern berührt diesen nur leicht. Er begleitet die Schulterbewegungen der Frau. Für den linken Arm der Frau gilt sinngemäß dasselbe: sie darf niemals den Eindruck erwecken, als würde sie am Mann hängen.

Der linke Arm des Mannes und der rechte Arme der Frau bilden den Führungsbogen.
Der Führungsbogen wir mit angewinkelten Armen in leichter Anspannung gebildet. Der Winkel der Arme ist variabel. Je enger die Tanzhaltung ist, desto enger werden die Arme herangenommen.
Es gibt auch besondere Stile mit erhobenem oder heruntergenommenem Arm, die als Sonderformen hier nicht beschrieben werden sollen.

Mann, linker Arm:

Frau, rechter Arm:

Der rechte Arm des Mannes und der linke Arme der Frau bilden die Umarmung. Die Umarmung ist eine wirkliche, enge Umarmung. Sie muß jedoch flexibel bleiben, damit der Abstand zwischen den Partnern variiert werden kann. Dafür müssen die Arme "gleitfähig", längs aufeinander liegen.

Mann, rechter Arm:

Frau, linker Arm:

Übungen und Bilder für Armhaltung:

 

Gehen

Jeder Schritt im Tango ist Gehen. Jede Bewegung im Tango basiert damit auf den im Folgenden genannten Punkten.

 

Drehen

Alle Drehschritte und Ochos basieren auf dem normalen Gehen. Eigentlich muß dafür nur ein einziger Grundsatz hinzugefügt werden: Jede Drehbewegung erfolgt als Drehung des belasteten Beins auf dem Fußballen.

Daraus, daß jeder Schritt mit der Belastung nur eines Standbeins beginnt und endet, während des Schritts aber beide Beine belastet sind, folgt, daß es zwei zu unterscheidende Arten des Drehens gibt:
1. Das Drehen am Ende eines Schritts auf dem einen belasteten Standbein (Pivot).
2. Das Drehen während der Schrittbewegung auf beiden belasteten Beinen.
Beide Arten der Drehung können in einem Schritt kombiniert werden.

Wenn irgend möglich, sollte jede Drehbewegung als Pivot-Drehung am Ende eines Schritts ausgeführt werden. Das Gehen um die Kurve erfolgt damit also als jeweils gerader Schritt mit einer Drehung am Ende des Schritts.
Die Drehung während des Schritts wendet der Mann beispielsweise während der Führung von Ochos, insbesondere von Voleos an.
Eine typische Situation für die kombinierte Drehung während des Schritts und eine Pivot-Drehung als Abschluß des Schritts ist die Drehung vom Seit- in den Rückschritt in der Molinete. Hier wird zuerst während des Schritts eine 1/4-Drehung gemacht, dann das Bein an das Standbein herangeholt und der Schritt mit einer weitere 1/2-Drehung im Stand abgeschlossen.

Pivot-Drehung:

Gefühl: "Ausquetschen einer Orange", "mindestens einen halben Liter Saft produzieren" [nach Eric und Jeusa].

Drehung auf beiden Beinen während des Schritts:

 

Vor- und Hinterkreuzen

Das Stehen mit vor- oder hinterkreuztem Fuß unterscheidet sich nur in einem Punkt von der oben beschriebenen Haltung: In der Haltung des unbelasteten Beins.

Wenn der vor- oder hinterkreuzende Fuß für den nächsten Schritt belastet werden soll, dann geschieht das in der Regel im letzten möglich Moment. Wenn das Gewicht in vor- oder hinterkreuzter Position auf das andere Bein wechselt, wechselt die Stellung von vor- nach hinterkreuzend oder umgekehrt.

 

Sehr enge Tanzhaltung

In diesem Stil konzentrieren sich beide Partner ganz auf sich, und tanzen in kleinen Schritten ohne große Figuren überwiegend auf der Stelle.

Körper:

Köpfe:

Mann, linker Arm und Frau, rechter Arm:

Mann, rechter Arm:

Frau, linker Arm:

 

Übungshaltungen

 
Übungshaltung alleine [nach Eric und Jeusa]:

Arme bilden mit aneinanderstoßenden Fingerspitzen einen Kreis waagerecht vor dem Körper.
Gefühl: leichte Anspannung, Schulterblätter auseinander nach links/rechts außen.
Übungsgefühl: Einen großen Gummiball vor dem Bauch festhalten.

 
Übungshaltungen als Paar um Tanzfiguren zu üben:

1. Führen ohne Arme:
Die Frau stützt sich mit der Rechten Hand auf dem Brustbein des Mannes ab. Der Arm wird angewinkelt, damit derselbe Abstand zwischen beiden Partnern wie in der Grundhaltung entsteht.
Der Mann hält seine Arme locker an der Seite.

2. Führen ohne Arme des Mannes:
Die Frau legt ihre Hände von außen auf die Oberarme bzw. Schultern des Mannes. Die Arme sind angewinkelt, damit derselbe Abstand zwischen beiden Partnern wie in der Grundhaltung entsteht.
Der Mann hält seine Arme locker an der Seite.

3. Führen mit Armen:
Der Mann legt seine Hände von außen auf die Oberarme bzw. Schultern der Frau. Die Arme sind angewinkelt, damit derselbe Abstand zwischen beiden Partnern wie in der Grundhaltung entsteht.
Die Frau hält ihre Arme grundsätzlich wie der Mann. Die Arme liegen jedoch innerhalb der Arme des Mannes, die Hände mehr auf den Oberarmen als auf den Schultern des Mannes.

 

Führung

"Der Oberkörper des Mannes gehört der Frau, und ihre Füße ihm"
[Peter Lorenz]

"Die Frau hilft dem Mann, indem sie nicht hilft."
[Gisela Graeff Marino]

"Its tango not judo"
[Fernando Galera]

 

Im Tango bedeutet Führen, für die Frau eine Situation herbeizuführen, in der sie wissen muß, was sie zu tun hat. Das Führen hat damit eine passive Komponente, da der Mann abwarten muß, ob die Frau tatsächlich das tut, was er von ihr will. Er hat keine Möglichkeit, die Ausführung zu erzwingen. Geführt werden bedeutet dagegen auch aktiv zu sein, da die Frau auf die vom Mann gegebenen Signale hin aktiv ihre Bewegungen ausführen muß.

Über die Art der Ausführung bekommt der Mann Rückkopplung: eventuell braucht die Frau mehr Zeit, vielleicht reagiert die Frau in einer anderen Dynamik als der Schritt gemeint war. Hierauf muß der Mann in seinen nächsten Schritte reagieren.

Die richtige Tanzhaltung ist eine Voraussetzung für das Führen. Wenn beide Partner in der entsprechend "verschränkten Haltung" [Rodolfo Dinzel] zueinander stehen, kann der Mann den ganzen Körper der Frau spüren. Jede noch so leichte Bewegung oder auch nur Anspannung seines Oberkörpers hat dann eine Reaktion der Frau zur Folge.
Damit genügt scheinbar ein Gedanke für das Führen, da schon der Gedanke an einen Schritt Veränderungen von Muskelanspannungen zur Folge hat, die die Frau als Führungssignale verstehen kann.

 

Führen

Führen bedeutet für den Mann, die Füße der Frau zu setzen. Als Mittel dafür hat er nur seinen Oberkörper:

Die Position des eigenen Oberkörpers des Mannes ergibt sich damit aus dem Willen, die Frau an eine bestimmte Position zu führen.

 

Geführt werden

Der Mann kann die Frau nur führen, wenn sie nicht vorgreift! Das bedeutet für die Frau folgendes:

Sollte die Frau ein Führungssignal nicht verstanden haben, und einen anderen als den gewollten Schritt tanzen, so ist es die Aufgabe des Mannes, so zu tun, als hätte er diesen Schritt geführt. Die Korrektur eines gesetzten oder angesetzten Schritts darf niemals durch die Frau erfolgen.

Im Übrigen (1):
Der Mann ist immer schuld! Es ist seine Aufgabe, das Niveau seiner Schritte der Frau anzupassen, oder sie so deutlich zu führen, daß sie die Führung versteht.

Im Übrigen (2):
Geführt werden bedeutet nicht blind zu sein. Wenn die Frau sieht, das der Mann, in der Regel rückwärts, in eine Kollision läuft, so sollte sie stehenbleiben und ihn am besten gleich mit leichtem Druck festhalten.

 

Führung im Gehen

Der Führungsimpuls geht immer vom Oberkörper aus.
Je nach Stil wird das etwas unterschiedlich gelehrt:

Wesentliche Führungsimpulse gehen auch von der Höhenveränderung des Oberkörpers, oder anders ausgedrückt, der Stärke der Beugung des Standbeins (Plié) aus:

 

Führung in Stops

Stops im Gehen:

 

Stile

"Du mußt die Geigen tanzen, auch wenn keine da sind"
[???]

 

Rhythmus und Melodie

Tango wird generell nicht auf den Takt, sondern auf die Schläge getanzt. Takt und Schläge geben den Grundrhythmus vor, der dann entsprechend der Melodieführung variiert verwendet wird. Dabei darf über mehrere Schläge gewartet werden oder durch Halbierung der Zeiten schneller getanzt werden. Es muß jedoch immer auf den Schlag (bzw. halben Schlag) getanzt werden. Schritte zwischen den Zeiten sind ausgeschlossen!

Oft besteht zwischen der Melodieführung und dem kräftigen Grundrhythmus eine deutliche Diskrepanz. Dadurch, daß nicht mit festen Figuren auf den Takt getanzt wird, besteht für den Tänzer die Möglichkeit, sich mehr die an die Melodie oder mehr an den Grundrhythmus anzulehnen. Dies ist ein Punkt, der den besonderen Reiz des Tangos ausmacht.

Zudem kann die Musik, vor allem in Tangos die nach den 40er-Jahren geschrieben wurde, den Rhythmus im Verlauf verändern, langsamer oder schneller werden oder auch Ruhepunkt scheinbar ohne Schläge bilden. Die Tänzer müssen diesem Verlauf folgen. Durch die Flexibilität, daß die Schritte nach Erfordernis und Stil auf die Schläge verteilt werden können, können sich die Tänzer der Musik anpassen.

Im Tango gibt es drei grundlegende Musik- und Tanzstile. Die Milonga ist dabei der älteste, urtümlichste Tanzstil, aus dem der Tango (als heutiger Stil) als langsamere, vornehmere Abart hervorgegangen ist.
Der Walzer wird auch Valz cruzado = "Walzer verkehrt" bezeichnet. Das kennzeichnet seine Herkunft als klassischer Wiener Walzer, auf den "verkehrt" mit Tangoschritten getanzt wurde.
Ausserdem wird wieder der Tango-Vorläufer Canyengue getanzt.

Grundsätzlich ist das Bewegungsmuster und das Schrittrepertoire für alle 3 Tangostile identisch. Im Detail zeigen sich jedoch Unterschiede, die in folgenden Beschreibungen grundsätzliche genannt werden. Diese Beschreibung zeigen das jeweils typische Modell. Natürlich gibt es immer Beispiele für den gegenteiligen Charakter und sind die Übergänge fließend.

Hier sollen nur Kurzcharakterisierungen erfolgen. Eine detaillierte weitere Beschreibung der Tango-Varianten kann in den eigenen Kapiteln zu Milonga, Vals und Canyengue geleden werden.

 

Tango

 

Vals

 

Milonga

Besondere Abart: Candombe-Milonga:

 

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